Dusk: Du bist als Drummer bei MIA. ein Teil der Rhythmus-Sektion. Wie muss man sich den Schaffensprozess bei Euch in der Band vorstellen? Wird da munter zu fünft gejammt? Arbeitest Du eher für Dich?
Gunnar: Unser Schaffensprozess ist chaotisch, unkontrolliert, weil sich die personellen Konstellationen nicht einfach festschreiben lassen. Wie zum Beispiel schon bei "Zirkus - die Zugabe" erwähnt war, erarbeite ich mit Robert Sachen im Proberaum, zu denen möglicherweise auch Andi in einem sehr frühen Stadium dazukommt, oder auch mal Ingo oder alle beide. Das wäre der klassische Proberaum-Jam. Kommt aber relativ selten vor. Der Rest ist wirklich Heimarbeit von jemandem von uns, wobei Robert Sachen oft als erstes an mir ausprobiert. Es ist auch schon in vielen Interviews gesagt worden: DEN klassischen Weg, wie ein MIA.Song ensteht - den gibt's nicht... Was nicht schlimm ist!
Dusk: Wenn es um politisches oder kulturelles Engagement geht, bist Du neben der Miez oft das Sprachrohr der Band. Deinen Statements ist anzusehen und -zuhören, dass Du sehr konzentriert bei der Sache bist. Liegen Dir solche Sachen?
Gunnar: Vermutlich ja! Ich habe schon als Kind gerne Aufsätze geschrieben. Ich glaube aber schon, dass ich generell noch kürzer und eindeutiger formulieren könnte. Obwohl es mir beim Schreiben oft leichter fällt als beim Sprechen. Aber es ist gut, wenn man merkt, dass man etwas Gutes gesagt hat, und danach erst mal nichts mehr zu sagen.
Es kommen ja relativ viele Anfragen. Ich glaube, dass ich derjenige in der Band bin, der am meisten Zeitung liest, also am meisten das aktuelle Geschehen verfolgt. Und dazu kommt natürlich, dass ich aufgrunddessen, dass ich später zur Band kam, einen ganz anderen Blick auf die Band hatte und natürlich in einigen Fällen eine total andere Meinung. Siehe ANGEFANGEN. Spätestens da habe ich gemerkt, dass ich mich sogar äußern muss, um mich besser zu fühlen. Weil es der ganzen Sache gar nicht schadet, wenn da jemand Dinge aus einer anderen Richtung kommentiert, wo man merkt: Der hat eine ganz andere Position. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich das für mich selber machen muss. Auch was diesen Hilferuf an Angie [Merkel] angeht. Ich sehne mich jetzt auch nicht nach dieser Rolle - das ist dann einfach so.
Dusk: Für Dich ist einfach Musikmachen und Öffentlichkeitsarbeit untrennbar miteinander verbunden?
Gunnar: Das würde ich so gar nicht sagen. Das ist auch was, was mich eher anstrengt - das Anforderungsprofil, was an einen gestellt wird von der Öffentlichkeit. Du sollst Dir bitteschön was ganz Tolles einfallen lassen, damit Du überhaupt interessant bist. Irgendwie special sein, am besten auch richtig durchgedreht. Dann sollst Du aber auch nicht ZU durchgedreht sein, weil: Authentizität ist auch wichtig; am besten sind ja die netten Jungs oder die netten Mädchen von nebenan. Und dann musst Du Dich aber regelmäßig total schlau zu aktuellen gesellschaftlichen Dingen äußern. Selbst, wenn Du das gar nicht willst.
Es ist schon so, dass wir quasi durch eigenes Verschulden danach geschrieen haben, für bestimmte Dinge politisiert zu werden. Also dass uns Leute anfragen wegen Klimaschutz oder "pro asyl" oder "Schule ohne Rassismus"; aber generell denke ich - und ich weiß, dass Andi das auch anders sieht - es ist gut, Leute zum Nachdenken zu bringen und die Optik zu verschieben. Aber ich bewerte das nicht als Auftrag, ich mach das nicht, weil ich agitieren will und meine, dass das jetzt irgendwie dazugehört. Kunst hat für mich eine solche Aufgabe per sé erst mal gar nicht.
Ich finde es immer gut, wenn es einfach so passiert. Wenn eine Person wie die Miez, die viele Leute kennen, irgendwo ist, dann gehen das Licht und die Kameras dahin. Und wenn sie diese Situation benutzt, um irgendwo auf etwas aufmerksam zu machen, wo nicht viele Lichter und Kameras sind, wo es dunkel ist, aber Licht hinmüsste, ist es ja voll cool. Aber ich finde es falsch, es von vornherein jedem Menschen, der Musik macht und sich selbst gleich in die Tasche zu stecken. Ich bin niemandem böse, der so etwas nicht macht.
Es gibt so viele Möglichkeiten, seine Position gegenüber aktuellen Dingen auf eine viel subilere Art und Weise darzustellen, ohne dass es auf irgendeinem Plakat steht. Aber noch mach ich das gerne und versuche es auch, höflich und in einem aufrichtigen Ton zu machen. Oft handelt es sich ja auch um Sachen, bei denen wir nicht anwesend sein können und es nur um ein Grußwort oder einen Statement, einen Fünfzeiler geht.
Dusk: Du bist Vater eines inzwischen 2jährigen Sohnes...
Gunnar: Ja, nicht ganz, er ist im zweiten Lebensjahr.
Dusk: Ist Dir die Entscheidung leicht gefallen, neben dem Leben auf Tour Vater werden zu wollen? Gerade im Hinblick auf die in den Medien doch relativ präsente Idealfamilie Judith & Pola?
Gunnar: Ach so. Na, ich glaube, dass das alles Judith auch so ein bisschen auf den Sack geht. Die sind ja nun auch überhaupt nicht repräsentativ für Leute, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen wollen - das sagt sie auch immer wieder.
Mir ist die Entscheidung total leichtgefallen. Ich hatte dafür gar keine Orientierung, der Sohn von Judith und Pola ist ja auch jünger als meiner. Was das Unter-einen-Hut-kriegen angeht, hatte ich einerseits natürlich so ein bisschen Angst. Auf der anderen Seite sind meine Freundin und ich ziemlich gut organisiert. Und wenn es eine Konstellation gibt, die so etwas erlauben sollte, dann ist es eine Band, wir bewegen uns ja in einem weitestgehend selbstbestimmten Rahmen. Wenn so etwas aus Gründen des Ehrgeizes, der Karriere nicht mehr möglich wäre, wäre das total schlimm. Darauf habe ich vertraut, da habe ich auch komplette Rückendeckung von allen. Klar gibt es Situationen, da stapelt es sich, und da wird es extrem schwierig. Aber generell war es keine lange Überlegung.