Teil 2

des Interviews mit Gunnar.
Dusk: Wie siehst Du die Entwicklung der Band, von den punkig-schrägen Anfängen hin zu oft glamourösem Pop-Rock?

Gunnar: Hmm. Die Entwicklung hat natürlich ganz viel mit der Miez zu tun, mit ihrer persönlichen Entwicklung. Letztendlich ist sie zu einem großen Teil dafür verantwortlich und es gehört zu unserem unübersichtlichen Schaffensprozess.
Es gibt nur seltene Fälle, dass es eine Skizze, die die Miez bekommt und die ihr nicht zusagt, auch auf ein Album schafft. Beim letzten Album war es "Was besonderes", wo die ganze Band dafür gearbeitet hat, dass sie sich damit beschäftigt und was daraus macht. Aber ansonsten hat sie dadurch, dass sie es möglich macht, dass ein Song überhaupt ein Song wird, eine sehr große Kontrolle darüber, was für einen Output wir haben. Aber das ist ihr auch gar nicht bewußt und sie taktiert damit nicht.
Aber daraus hat sich ergeben, dass sich doch von der Rotzlöffel-Attitude nach und nach verabschiedet wurde. Natürlich, weil sie ein Interesse hatte, sich auch mal auf andere Art und Weise auszudrücken, was ja auch zu "Stille Post" immer wieder gesagt wurde - dass es auch eine leise Intensität geben kann.
Ich sehe es auf jeden Fall auch so, dass der Geist einer Platte wie "Hieb- & Stichfest" in den Hintergrund getreten ist, zumindest auf so offensichtliche Art und Weise. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Band trotzdem immer noch viele Dinge macht, an denen sich ganz viele Leute reiben. Oft auch, ohne dass man uns jetzt eine Absicht zur Provokation unterstellen könnte.
Es gibt auch aus meinem Bekanntenkreis viele Leute, die ein großes Problem mit "Zirkus" hatten. Sie haben diesen ganzen Style als überhaupt nicht notwendig erachtet. Was ich oft gehört habe auf Konzerten: Die Musik ist für sich so gut und ihr seid als Band so toll - warum macht ihr diesen ganzen Quatsch? Was soll dieses Trapez und was soll dieser ganze Kirmes-Klimbim? So hart ist mir das von Leuten gesagt worden, die mir wirklich auch was bedeuten. Also auch da hat man Reibungspunkte gesetzt, die vorher gar nicht so klar waren. Deswegen wehre ich mich auch so ein bisschen, ganz pauschal zu sagen: Wir sind jetzt brav geworden, haben die Zähne verloren.

Dusk: Es geht ja schon deutlich mehr in die Richtung des Glamour und des Styles.

Gunnar: Das ist, glaube ich, insofern erklärbar, als dass eine Band wie MIA. immer eine Affinität zur Inszenierung hatte; zu irgendeiner Art von Vortrag, der etwas mit Künstlich-Sein zu tun hat. Was immer dadurch konterkariert wurde, dass es viele Momente gab, wo man der Band auch wirklich gut in die Karten kucken konnte und ihr angesehen hat, wie sie gerade wirklich drauf ist. Dieses ständige Wechselspiel zwischen Ich-halt-mir-eine-Maske-vor-die-Nase und Jetzt-ist-sie-wieder-weg ist interessant; und MIA. ist auch eine Band, die so etwas gerne benutzt.
Wir sind nicht die Typen in Trainingsjacke und Chucks - können wir auch sein, aber wenn wir's uns aussuchen können, sind wir so. Und in anderen Situationen später noch mal so...
Es ging uns, glaube ich, nie darum, total authentisch und anfassbar zu sein. Selbst jetzt nicht, auch wenn die Klamotten irgendwie spacig oder komisch und lustig aussehen und das Video so ist - das Ganze nach "Zirkus" schon viel anfassbarer wirkt - ist es aber für viele Leute trotzdem noch total schräg. Ich habe auch jetzt wieder Leute getroffen, die mir gesagt haben: Was ist denn jetzt wieder los?

Dusk: Wie ging Dein Einstieg bei MIA. vonstatten?

Gunnar: Großteile der Geschichte sind ja bekannt: MIA. hatten ein Schlagzeuger-Problem, weil Staab das live nicht machen konnte und wollte. Und darüber hat irgendjemand aus der Band, ich vermute mal Robert, mit Sarah Kuttner gesprochen. Sarah wiederum war befreundet mit einem Typen, mit dem ich viel Musik gemacht habe und der Produzent ist und der mich gefragt hat, ob ich mir das vorstellen kann. Ich war damals in einer Phase, wo ich eigentlich sehr offen war für alles Mögliche und hatte schon fast damit abgeschlossen, von Musik mal ernsthaft leben zu können. Ich hatte mich schon anders orientiert bei Radiosendern, ob ich noch so einen journalistischen Move machen kann, weil es das war, was ich schon als Kind immer machen wollte.
Ja, und dann kam die Frage - ich kannte MIA. ja nicht. Da bin ich zu Andi gegangen, der damals bei seinen Eltern in der Tucholskystraße wohnte, und habe mir eine CD geholt.
Und alles, was dann in den nächsten zwei Wochen passierte, hat mir die Entscheidung nicht leichter gemacht: Andi hatte ein ATARI-T-Shirt an und einen Iro. Und ich dachte so: Was fürn Spaßvogel. Naja ok. Wir sind halt in Mitte hier. Das war 2001. Ich hab das also erst mal nicht richtig ernstgenommen, ich kannte Andi ja auch überhaupt nicht. Hab dann die CD gehört und fand das nicht gut.

Dusk: Das war schon die "Hieb- & Stichfest"?

Gunnar: Ja, das waren Auszüge vom ersten Album, "Alles Neu", "Kreisel" und "Kill For You". Ich habe auch sofort so reagiert wie viele Leute zu "Hieb- & Stichfest"-Zeiten reagiert haben: Das ist doch kompletter Ideal-Klau, was soll denn das? Das ist mir alles viel zu affektiert. Dann spielte die CD irgendwann auch nicht mehr und ich hab das dann einfach vergessen.
Ich traf dann eine Woche später Jörn [den Produzenten] zufällig auf dem Ostbahnhof. Der fragte mich, wie ich es denn finde und ob ich da gewesen wäre. Er kannte die Band offensichlich und fand es auch interessant. Und ich habe ihm gesagt: Nee, Jörn, das ist nichts für mich. Obwohl ich vorher wie gesagt schon lange Musik gemacht habe und es mich schon interessiert hätte, etwas mit größerem kommerziellen Potential zu machen. Mir hat in den Bands vorher auch immer der absolute Wille gefehlt, ES jetzt wissen zu wollen. Ich hatte nie so ein professionelles Arbeitsumfeld, wie ich mir das gewünscht habe. Obwohl natürlich alle Leute immer nebenbei arbeiten mussten, aber ich hatte immer das Gefühl, dass man noch mehr tun könnte. Und deswegen war ich offen.
Jörn meinte jedenfalls, ob ich nicht mal mit denen geprobt hätte. Das hätte ich doch sonst auch immer gemacht - weil ich relativ häufig mal für jemanden getrommelt habe, ob für Aufnahmen oder sonstwie. Da habe ich dann ein schlechtes Gewissen bekommen - mir, der Band, aber auch ihm gegenüber, weil ich mich nicht mehr gemeldet hatte. Ich habe also angerufen und gefragt, ob wir mal proben. Dann kam ich an - kam zu spät, weil ich den Proberaum nicht gefunden habe, Miez war sauer.
Dazu kam, dass ich nicht vorbereitet war, weil ich wie gesagt die ganzen Sachen etwa zehn Tage vorher zwei Mal gehört hatte und dann nicht mehr. Weite Strecken der Probe habe ich dann aus der Erinnerung gemacht. Das war aber letztendlich der entscheidende Grund dafür, das es überhaupt etwas wurde. Weil diese Probe total gut war und weil ich die Ambitionen der Band besser verstanden und sie auf jeden Fall sehr schnell ernstgenommen habe.
Auch Andi, auch Ingo, die Miez, Bob - ich habe bei allen zügig gemerkt: Die wollen wirklich was. Die sind total anders drauf als du, sind aber auch jünger und nur weil sie's anders machen, muss es nicht scheiße sein.
Es wird vielen Leuten nicht passen, passt dir gerade auch nicht, aber es ist irgendwie interessant.
Und dann - hatten wir die Probe und eine Woche später das erste Konzert in der Columbiahalle bei der "Future80s"-Westbam-Release-Party. Und noch ein paar Wochen später im Bastard.
 

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