Dusk: Nach der in Eigenregie produzierten "Factory City EP" mit noch deutlichem Pop-Appeal folgte 2002 das erste Album mit ziemlicher Punk Attitude. Wie kam dieser Umschwung innerhalb der Band zustande?
Bob: Für mich ist ja der Knackpunkt, wie es zur Stilrichtung Elektropunk kam, die wir dann verfolgt haben, der Remix von "Factory City". Wir haben halt ganz normal als Quasi-Schülerband, weil alle aus diesem Alter und Umfeld entstammen - auch wenn wir nicht alle an einer Schule waren - zusammen Musik gemacht und Songs geschrieben.
Nachdem wir mit Nhoah als Produzent zum ersten Mal Kontakt hatten und Sachen aufgenommen haben, kam von ihm eine Remix-Variante zu "Factory City", die uns, und mir vor allem, sozusagen die Ohren geöffnet hat, was so möglich ist und was ich gut finde; ich hatte das so bis dahin noch nicht gehört. Das war der Anstoß, in die Richtung zu gehen; und eine Mischung aus unserem Songwriting, Nhoahs Produktionsvisionen und der Art und Weise, wie die Miez zu der Zeit drauf war - als Aushängeschild und Frontstimme natürlich den Musikstil extrem geprägt hat - das hat uns in diese punkige Richtung getrieben.
Andererseits gab es ja zu "Hieb&Stichfest"-Zeiten auf der Platte ja verschiedene Auswüchse in andere musikalische Richtungen. Es hat auf jeden Fall auch schon die ganze Zeit in uns gesteckt, dass wir inspiriert von ganz vielem sind und auch ganz vieles für uns ausprobiert haben. Was uns gefallen hat, ist auf die Platte gekommen und das ist es auch, was für mich prägend für diesen MIA. Stil ist, auch wenn von "Hieb- & Stichfest" bis zu "Zirkus", bis jetzt, ein wahnsinniges Spektrum vollzogen wurde.
Aber es hat sich schon immer angedeutet, dass alles offen ist bei uns. Es war seit der ersten Platte eigentlich klar, dass die zweite nie so klingen wird wie die erste - wie ein wirklich in Reihe geschaltetes Album, sondern weiterführt.
Dusk: Die Anfänge von MIA. liegen an zwei Berliner Schulen und einigen Zufälligkeiten. Erzähl doch mal.
Bob: Ich versuche mal abzukürzen und alle Facts darzustellen. Meine erste Band hieß "Seize The Day" und war auch die einzige Band, in der ich vor MIA. gespielt habe. Und da hat mein damals bester Freund mitgespielt und dessen Freundin war Sarah Kuttner. Darüber habe ich sie kennengelernt und es ist eine sehr gute Freundin von mir geworden. Und weil sie einen Lieblingssong hatte - "I will survive" in der "Cake"-Version - und ich ihr den auf dem Bass vorgespielt habe, sagte sie, sie kennt jemanden, der hat ihr das auch schon vorgespielt, weil sie den Song so toll findet. Wir müssten den unbedingt mal zusammen spielen. Was dann Andi war, der ja mit Sarah zusammen auf der Schule war.
Zufällig hatten wir vorher gerade einen Proberaum bekommen, den ich zur Verfügung hatte, ob ich eigentlich gerade im Begriff war, die Band aufzulösen, in der ich vorher gespielt habe. Deswegen gab es keinen anderen Nutzen außer ein bisschen rumzujammen. Das habe ich mit Philipp gemacht und dann kam wirklich Andi zu einer Probe und wir beide waren alleine und haben uns hingestellt und haben den Song eine Stunde gespielt, ohne ein Wort miteinander zu reden, weil wir beide extrem schüchtern waren und nicht wirklich was miteinander anzufangen wussten. Und sind dann auseinandergegangen und dachten: Ey, das war doch ganz schön. Ob ich nicht mal Lust hätte vorbeizukommen, er macht da gerade was mit 'ner Sängerin, die bei ihm auf die Schule geht, die eine coole Stimme hat, und sie haben schon zwei Songs am Start.
Da dachte ich: Ja. Cool. Verabredet. Und dann war das nächste Treffen, bei Andi im Hausflur unten habe ich die Miez schon oben singen hören. Oben angekommen habe ich sie kennengelernt und wir haben zusammen mit Klavier und Stimme und Mini-Verstärker bei ihm im Zimmer die ersten zwei Songs gemacht, die da waren.
Und weil das gut funktioniert hat und weil wir was hatten, war klar, dass wir uns noch mal treffen.
Und so ist das entstanden. Wir sind dann in den Proberaum gezogen, den ich zur Verfügung hatte, was für alle super war, und haben angefangen zu proben - da war es dann eigentlich fest.
Dusk: Wann kam Ingo dazu?
Bob: Ingo habe ich kurz vorher bei der Abschlussfahrt der alten Band an die Ostsee kennengelernt. Da war die ganze Band zusammen mit Instrumenten, weil wir auch ein bisschen rumgejammt haben in einer Pension. Da waren auch einige Freunde mit. Deswegen kam auch Ingo mit an die Ostsee und ich habe ihn zum ersten Mal gesehen und festgestellt, dass er auch Gitarre und vor allen Dingen auch Blasinstrumente spielen kann. Da habe ich dann auch erfahren, was ich vorher nicht wusste, dass Ingo auf meine Schule geht - zwei Klassen über mir. Deswegen hatte ich nichts mit ihm zu tun. In der Schule haben wir uns dann wiedergetroffen und ich habe ihn gleich zur nächsten Probe gefragt, ob er Bock hätte vorbeizukommen. Wir machen gerade eine Band auf. Da kam er dann vorbei und deswegen war Ingo auch gleich von Anfang an im Boot. Aber das war wirklich komplett zufällig - dass er an der Ostsee aufgetaucht ist, dass ich ihn noch mal angesprochen habe. Und dann ist er ein wirklich guter Freund geworden.
Dusk: Deine Eltern erscheinen auch nach zehn jahren noch zu fast jedem Konzert, dass weniger als eine Tagesreise entfernt liegt, und sind gern gesehene Gäste in jedem Backstage. Haben sie Dich immer unterstützt, besonders nachdem Du Dich direkt nach dem Abi wagemutig in die Musik gestürzt hast?
Bob: (lacht) Also es auf jeden Fall seine Zeit gedauert, bis meine Eltern auch wirklich von außen her wahrnehmen konnten, dass das Hand und Fuß hat mit der Musik. Ich hatte das Vertrauen schon seit der ersten Sekunde und wusste, ich habe nichts zu verlieren, ich will das machen, und bevor ich das nicht ein mal durchgezogen habe und dann vielleicht scheitere, will ich nicht eine alternative, vermeintlich sichere Richtung, was Zukunftspläne, Geldverdienen, auf eigenen Füßen stehen und alles, was das betrifft. Und so war es ja auch.
Deswegen habe ich auch, als wir schon Musik gemacht haben und klar war, ich will in dieser Band spielen und will damit Geld verdienen, trotzdem noch ein Studium angefangen, weil ich die Rechtfertigung noch nicht hatte. Ich hatte auch neben dem Musikmachen noch viel zu viel Zeit, um sie einfach sinnlos verstreichen zu lassen. Habe deswegen angefangen zu studieren, aber mit der großen Hoffnung, das Studium irgendwann abbrechen zu können, weil ich es nicht brauche. Und so ist es dann nach vier Semestern auch schon gekommen, dass die Band so viel Arbeit und Aufwand, allein durch das Touren, Platte machen, und so viel Zeit in Anspruch genommen hat, dass klar war: Ich kann nicht weiter studieren.
Das war auf jeden Fall auch nicht so leicht für meine Eltern, weil so ein Studium auch eine vermeintliche Sicherheit gibt. Man hat ja auch immer die schlimmsten Visionen, was mit Musikern so ist, die saufen sich doch alle zu Tode...
Dusk: ...stürzen im Flieger in die Karibik.
Bob: Genau. (lacht) All so 'ne Sachen. Deswegen hatte ich da schon zu diskutieren und mich zu rechtfertigen. Ich konnte ihnen aber immer versichern, dass es für mich keine Alternative gibt - ich bin da nicht im Zweifel, ich will das machen. Aber sobald das für sie klar war... Das sind so natürliche Etappen: dass das erste Musikvideo im Fernsehen läuft; dass es Konzerte gibt, wo mehr als 50 Leute da sind; dass man den ersten Artikel in der Zeitung hat und spätestens der Bericht in den Tagesthemen; da sind die Zweifel ganz schnell geschwunden und sie wollten mich auch komplett unterstützen. Deswegen sind sie auch so große Fans und zittern jetzt schon, viel mehr als ich, weil ich mich davon gar nicht so richtig kriegen lassen will und überzeugt davon bin, dass es gut laufen wird. Das ist echt niedlich. Ich hoffe da auch, dass ich sie weiter beglücken kann und dass die stolz auf mich sein können. (lacht)
Dusk: Ich danke Dir für dieses Gespräch!