Dusk: Du bist in der Band derjenige mit einem längeren Musiker-Vorleben. Von '95-'01 hast Du bei der (Psychedelic-)Rockband "Desmond Q Hirnch" getrommelt. Konnte die relativ frische Combo MIA. bei Deinem Einstieg von Deiner Banderfahrung profitieren oder war es ein beiderseitiger Neustart?
Gunnar: Am ehesten vielleicht Robert als Teil der Rhythmusgruppe. Das müsstest Du auch die anderen fragen. Was wichtig für die Band war, dass ich ihnen eine Art von Sicherheit gegeben habe, in konkreter musikalischer Hinsicht auf der Bühne. Die haben relativ schnell gemerkt, dass ich ein Schlagzeuger bin, der sich darauf beschränkt, Dinge zu tun, von denen er weiß, dass er sie kann. Ich bin kein Solist und spiele eher sehr basic. Das war für MIA. musikalisch ganz gut. Und auch, dass SIE wussten, dass ich weiß, was ich tue.
Auf der anderen Seite war auch ich in einer ganz neuen Situation. Ich habe vorher ganz anders aufgenommen, habe vorher ganz anders live gespielt. Wir hatten ja bei den Desmonds für zwei Jahre zwei Schlagzeuger. Und jetzt hatte ich einen Kopfhörer auf und habe zu einem Backtrack gespielt, das war ganz anders. Dazu kommt, dass ich vorher noch nie in einer Band gespielt habe, wo die Stimme so wichtig war. Bei Psychedelic und Noise Rock sind die Stimme und die Instrumente ja oft eher gleichberechtigt als Klangkörper.
Dusk: Gab es Parallelen in der Entwicklung beider Bands über die Jahre?
Gunnar: Nein, das kann man überhaupt nicht vergleichen. Ich kam '95 zu Desmond Q Hirnch und habe aber die ganze Zeit über schon andere Sachen gemacht. Es gab etwas, das nannte sich "Schwarze Zypressen", mit einem Bassisten, den ich kennengelernt habe und der großartig ist. Und was mit einem Typen der Francois Villon und Boudelaire-Texte rezitiert hat, eine Art Lesung mit Noise-Rock dahinter. Ich war schon immer bestrebt, viele Dinge zu machen, was seinen Grund in dieser Unzufriedenheit hatte.
Die letzte Platte mit Desmond Q Hirnch haben wir 2000 gemacht und das war alles ein großes Hickhack, weil sie eigentlich schon anderthalb Jahre fertig war und sie niemand machen wollte. Wir waren bei Kitty-Yo zu spät, hatten Kontakt nach London zu einem britischen Label, bei denen Billy Mahoney erschien, die uns auch eine Absage geschickt haben... Das hat uns als Band so ein bisschen aufgeweicht, Fridtjof ist dann ausgestiegen. Man kam also so langsam den Berg runter und hat gekuckt, und dann kam plötzlich MIA. - der Rettungsanker, den ich am Anfang gar nicht haben wollte.
Für mich war es ein ganz schöner Cut, auch weil ich damals noch Verpflichtungen hatte und Konzerte gespielt habe mit anderen Leuten. Da saßen wir bei Meistersinger, weil wir eine Agentur gesucht haben, und Reinhard [Grahl] fragte mich: Was machst Du denn jetzt, wenn MIA. durch die Decke geht?
Das war eine wilde Zeit, wo ganz viele Sachen parallel passiert sind. Das hat sich dann aber alles nach und nach verloren aufgrund der Tatsache, dass das Pensum bei MIA. so groß wurde. Ich habe ja auch in den letzten Jahren nur auf der Bodi Bill Single ein Stück getrommelt und vorher bei Elke [Sängerin von Paula] und sonst gar nicht.
Dusk: Von deiner ersten Band Syksy findet man im Netz neben finnischen Seiten nur einen Hinweis auf eine PaRocktikum-Playlist von 1993, was auf eine gewisse Verhaftetheit mit der Berliner
Rockszene hindeutet. Erzähl mal.
Gunnar: Syksy war eine Band, die sich in FFO gegründet hat... Ich habe ja relativ spät, mit 18, angefangen, Musik zu machen, Schlagzeug zu spielen. Habe dann aber sofort gemerkt, dass ich das gut kann und habe dann mit Freunden zusammen in einer Band gespielt. Wir sind dann Ende '91 quasi geschlossen nach Berlin gezogen. Da war aus DT64 gerade RockRadio B geworden und wir waren seit '88 schon alle alte PaRocktikum-Hörer.
Das kam dadurch zustande, dass Lutz Schramm [Moderator von PaRocktikum] einfach DIE Anlaufstelle für neue Musik aus Berlin war. Er hatte ja auch in der NMI/Messitsch, einer Musikzeitung von damals, eine Demo-Ecke. Auf das erste DEmo, was wir ihm geschickt haben, hat er gar nicht reagiert. Nach einer Bandumbesetzung haben wir im Prenzlauer Berg ein weiteres Demo gemacht, das hieß "Brom", da waren vier Songs drauf, die müssen Lutz Schramm ziemlich weggeknallt haben. Zumindest schrieb er in der NME Message, dass die Vermutung naheliegt, dass dies das "nächste große Ding" aus Berlin wird. Wir waren ziemlich flott unterwegs, es ging alles sehr schnell.
Wir wurden von einem Typen, der in der Berliner Indie-Rock-Szene verwurzelt und im Begriff war, ein Plattenlabel zu gründen, gefragt, ob wir nicht eine Platte mit ihm machen wollen. Der hatte das gehört, gesehen und sofort gesagt: Macht die Platte. Der hatte was Großes mit uns vor. Da wir auch was Großes mit uns vorhatten und zufällig vorher einen anderen Typen kennengelernt hatten, der Assistent in einem Berliner Studio war, in dem viele Metalbands wie Tankard, Sodom, Sepultura, usw. von Harris Johns produziert wurden, wollte der eine Platte mit uns aufnehmen. Und da sind wir hingegangen und haben in zwei Wochen ein ziemlichen Boliden von einem Album auf Band geprügelt, mit einem vollkommen durchgeknallten Sound, teilweise mit alten Ost-Verstärkern - sowas hast Du noch nicht gehört.
Diese Platte "Tek" ist dann noch mal extrem gut besprochen worden. Ich kann mich erinnern, wir haben ein Konzert gespielt in Leipzig, in einer Location, in die auf jeden Fall auch so 1500 Leute reinpassten, da ist das DT64 Buch, was Lutz Schramm u. a. geschrieben hat, vorgestellt worden. Da sind die Leute auf die Antwort hin, dass wir gleich spielen, die Treppen hochgerannt, da standen wir selbst aber noch unten. Da hat man selbst mitgekriegt: Was ist denn jetzt los? Und dann war der Knaack-Club plötzlich ausverkauft. So was.
Dazu haben wir aber 1993 schon die Potsdamer Band Desmond Q Hirnch kennengelernt und waren parallel auf Tour. Aber schon vier Monate nach Erscheinen der Platte hat sich Syksy aufgelöst, weil der Gitarrist nicht mehr wollte. Und wir waren nicht professionell genug, weiterzumachen und uns nach einem neuen Gitarristen umzukucken. Kai und ich sind dann zwei Jahre später gemeinsam zu den Desmonds gestoßen.
Dusk: Gibt es denn musikalische Referenzen, erste Platten, magische Konzerte, an die Du Dich erinnerst?
Gunnar: Es gibt auf jeden Fall eine erste Platte. 1981 oder '82 - bis die Platten im Osten rauskamen, hat es ja immer etwas gedauert - habe ich von meinem Bruder die "Highway To Hell" geschenkt bekommen. Diese Platte hat definitiv mein Koordinatensystem durcheinandergebracht. Das war überhaupt das erste Mal im Leben, dass eine intensive Verbindung zur Musik entstanden ist. Das hat mich elektrisiert.