Teil 4

des Interviews mit Gunnar.
Dusk: Da warst Du zwölf?

Gunnar: Elf. Nein, '81 war ich zehn. Es gab sozusagen ein Leben davor und eins danach. Dafür bin ich dieser Band auf ewig dankbar. Ich habe nicht viele AC/DC Platten, aber diese kenne ich in- und auswendig und habe mit dieser Platte angefangen, Schlagzeug zu spielen. Mitte der 80er habe ich dann relativ viel britische Musik gehört - Cure, Cult, Mission, Sisters Of Mercy.
Was ich aber auch als Jugendlicher schon toll fand - ich habe mit meinem Vater mehrmals ein Queen-Konzert gesehen - das kam öfter im Fernsehen. Queen war mir teilweise ein bisschen zu abgedreht und künstlich, an sich fand ich das aber ganz interessant - dass die Band so eine Show macht und so.
Der nächste richtige Knacks war 1987 "Surfer Rosa" von den Pixies. Und der nächste war dann folgerichtig "Nevermind" von Nirvana.

Dusk: Und das erste Konzert?

Gunnar: Das ist schwierig zu sagen. Als Kind ist man natürlich zum Pressefest gegangen und hat sich die Puhdys angekuckt. Mein erstes "West"-Konzert, um es mal so zu sagen - kann sein, dass es das Schüttorf Open-Air war, mit den Pixies, Bowie als Headliner, New Model Army. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, was ein Festival ist.
Und ähnlich elektrisiert war ich natürlich beim Konzert, als der Film "Flüstern und Schreien" in der DDR Premiere hatte. Da waren Sandow zusammen mit Feeling B auf Tour zum Film und haben in den Theatern gespielt, wo dieser Film aufgeführt wurde. In Frankfurt, im Lichtspieltheater der Jugend: Das war wirklich... das roch nach Streß - Aljoscha war total besoffen, Feeling B haben eigentlich nur drei oder vier Stücke gespielt, aber total gerockt, hatten einen geilen Sound.
Natürlich war ich auch zu ganz vielen Konzerten im Park-Club in Fürstenwalde, so auf dem halben Weg nach Berlin. Und im Tierpark-Club in Berlin gab es einen Abend, wo Big Savod gespielt haben und der Bassist in die Bühne eingebrochen ist. Da spielten aber auch Die Anderen und Feeling B. Das waren so die ersten bewußten Erlebnisse. Das waren die wichtigen Konzerte, noch hinter dem Eisernen Vorhang.
Und "Flüstern und Schreien" war deshalb so wichtig, weil es in einem Theater stattfand. Man kannte ja Sandow und Feeling B vorher auch schon, aber dass sie sich so einen offiziellen Raum einfach genommen haben; das ist wohl irgendjemandem einfach durchgerutscht und dann ging das plötzlich.
Ab dem Fall der Mauer ist man dann auch viel nach Berlin gefahren, zum Bizarre Festival in der Wuhlheide mit den Ramones, Iggy Pop und Jingo De Lunch. Und zeitgleich und auch wichtig: Fugazi im Tempodrom.

Dusk: Da bist Du sozusagen ab der Wende voll durchgedreht?

Gunnar: Genau. Ab 11. November gings rund. Aber wie gesagt, die ersten frei gewählten, bewussten Konzerte waren eben solche Festivals mit Underground-Bands aus dem Osten. Man war 16 oder 17, man hat das gemerkt, hier wird was passieren, das war klar; aber man hat sich gleichzeitig gar nicht getraut, weil man nicht wusste, wie es ausgeht.
Das war auf jeden Fall wichtig für mich und auch meine Freunde. Wenn man sich überlegt, was für eine Position sie zu dem Land hatten, in dem sie leben. Wir haben regelmäßig Nächte damit zugebracht, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir da rauskommen und was wir hier eigentlich machen. Weil für jeden von uns klar war, dass wir in der Zone nicht alt werden wollen - dass wir da durchdrehen.

Dusk: Womit sich die nächste Frage nahtlos anschließt: Nach Deinen Erfahrungen im und mit dem Osten, vor allem im Bezugs aufs Jungsein und Musikmachen.

Gunnar: Ich habe tatsächlich noch im Osten damit angefangen und der Grund dafür war Frust und Unzufriedenheit. Ich war ein recht guter Schüler und wollte Journalist werden oder überhaupt Abi machen und studieren können. Durch den Mangel an Zugeständnissen war das aber nicht möglich. Mein Klassenstandpunkt war wohl zu wenig gefestigt. Ich hätte sagen können: Ich möchte Journalist werden, gehe drei Jahre zur Armee und werde Kandidat der SED - dann wäre alles in Ordnung gewesen. Habe ich aber nicht gemacht - das war auch eine schwierige Situation für mich. Die Zusage, überhaupt Abitur machen zu können ohne eine Berufsausbildung war immer gekoppelt an einen weiteren Bildungsweg, den ich nicht verbindlich zusagen wollte, auch im Hinblick auf Parteimitgliedschaft.
FFO war auch wiederum ein Standort, wo es als "Berufsausbildung mit Abitur" nur technische Berufe gab. Halbleiterwerk - das wollte ich nicht machen mit meinen zwei linken Händen. Das hieß für mich in der Endkonsequenz, und das war sozusagen der Grund für die Enttäuschung, dass ich kein Abi machen konnte - und das habe ich diesem Staat vorgeworfen. Spätestens da hat ich ganz persönliche Gründe, mit diesem Staat nicht im Reinen zu sein.
Ich hab dann Hotelfachmann gelernt und konnte nicht weiter zur Schule gehen. Das war null Challenge für mich. Darauf hatte ich keinen Bock, hatte auch keine Service-Attitude. Ich habe da nette Leute kennengelernt und meine Erfahrungen gemacht. Und Gottseidank war das für mich auch der Einstieg zum Kochen, von dem ich mir dann ganz lange mein Leben finanziert habe. Letztendlich bin ich auch nicht mehr unglücklich darüber.
Dazu kommt, dass ich 1989 bereits meine zweite Musterung hatte und hatte keinen Personalausweis mehr, sondern schon einen Wehrdienstausweis. Meine Freunde sind alle zum ersten September oder Oktober eingezogen worden - wo es schon richtig abging. So bin ich mit der Wende großgeworden.
Letztendlich, wenn man es mit ein bisschen Nüchternheit betrachtet, ist es in der Retrospektive gar nicht so überraschend, eine schlüssige Entwicklung. Natürlich ist Sozialismus eine tolle Idee, aber Fakt ist - das war ein totalitärer Staat. Punkt, aus. Und in einer Situation, in der es mir schlecht geht, kann ich mich daran aufrichten. Wäre ich 20 Jahre früher geboren, hätte ich von der Wende nichts gehabt. Selbst wenn ich 5 Jahre früher geboren wäre, hätte ich wirklich Probleme bekommen. Die Mauer fiel, als ich 18 war - das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.

Dusk: Ich danke Dir für dieses Interview!

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