Dusk:
Mitte August feierte die Leichtathletik-WM mit Euch am Brandenburger Tor in Berlin die "Welcome Night". Statt eines kurzen und knackigen MIA. Sets gab es großes Kino - wer hatte denn die Idee dazu?
Mieze:
Die Agentur "insglück" hatte die Idee, die Gruppe MIA. einzuladen und zu kombinieren mit dem Babelsberger Filmorchester und dem großartigen Paul Kuhn. Die haben selbst sehr kurzfristig die Zusage bekommen vom Organisationskommitee der WM und wollten eine Bühne am Brandenburger Tor mit all den Leuten, die da waren, so auch uns. In einem Gespräch habe ich erfahren, dass die Gruppe MIA. auf jeden Fall immer feststand im Konzept. Da habe ich mich sehr drüber gefreut.
Dusk:
Das Filmorchester Babelsberg ist dem gemeinen Pop-Fan spätestens seit der Kooperation mit Peter Fox ein Begriff. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit so einem Vollblut-Klangkörper?
Mieze:
Peter Fox? Man kennt doch das Babelsberger Filmorchester aus großartigen Sendungen wie „"Dickes B.", oder so... (lacht)
Also, ich kannte schon ein paar Gesichter eben aus dieser Sendung. Die haben mit mir ja auch schon "Tanz der Moleküle" gespielt, und auch "Mein Freund". Das ist ein gutes Gefühl, denn es sind ja auch Spitzenmusiker.
Andi:
Als wir am ersten Tag in deren Proberaum waren - der im übrigen ganz schön groß ist, immerhin für 50-60 Leute - war zu merken, dass sie am Anfang natürlich sehr konzentriert waren. Es sind ja auch zwei unterschiedliche Arten von Musik, verschiedene Herangehensweisen, sie spielen E-Musik, wir eher U-Musik.
Über diese drei Tage hinweg - in Babelsberg, am zweiten Tag bei der Generalprobe am Brandenburger Tor und dann beim Konzert konnte man gut beobachten, wie das Orchester immer mehr auf uns zu ging. Ich fand es schön, dass es so offen wurde, ich dachte bisher, dass Leute, die E-Musik machen, auch eher "E" sind. Aber das waren sie nicht und das fand ich sehr angenehm.
Solche Art von Musik funktioniert ja ganz anders. Bei uns in der Band gibt es keinen Dirigenten, außer vielleicht Gunnar, der den Rhythmus vorgibt. Aber im kreativen Prozess sind wir eher eine Demokratie. Ein Orchester funktioniert da einfach mal anders. Da war interessant zu sehen, wie im Rahmen der "Orchester-Diktatur" ja doch sehr viel Spielraum für Individuen ist.
Bob:
An dieser Stelle sollen auch Props an Herrn Wefelmeyer rausgehen, seines Zeichens Dirigent und Arrangeur der ganzen Veranstaltung, der ein sehr offener Typ ist. Es war auch da lustig zu beobachten, wie einzelne ihn verbessert haben. Ich dachte, die setzen sich hin und spielen 1:1, was auf dem Blatt steht, und wenn es sich schief anhört, hinterfragen sie es auch nicht. Die haben echt gut zusammengearbeitet.
Mit Herrn Wefelmeyer hatten wir auch hier schon Proben und Vorarbeiten zu diesen Stücken, um uns ranzutasten und überhaupt eine Auswahl zu treffen: Was singt die Miez innerhalb dieses Pottpourris - für die Westdeutschen unter uns: Medleys? Wos steigt die Band mit ein? Wer führt und wer lässt sich führen?
Andi:
Ich muss gestehen, als Herr Wefelmeyer das erste Mal hier war und sich ans Klavier setzte bei mir im Studio, hatte ich totalen Respekt davor, dass er sagen würde, „Spiel doch mal eine Wendung in diesem oder jenem Akkord, vermindert mit irgendwas obendrüber, einer Septime", und ich kann nur danebenstehen und verstehe noch das „D", und da endet es dann.
Doch die Zusammenarbeit hat super funktioniert. Genau da, wo bei mir zumindest das Fachwissen endet, wünsche ich mir, dass man dann trotzdem mit Händen und Füßen kommunizieren kann, was man meint. Das ich ihm was vorsummen kann und er kann auch dann was damit anfangen, wenn es nicht schwarz auf weiß in den Noten steht. Das hat geklappt und das fand ich sehr angenehm.
Gunnar:
Ich denke, das gilt für alle Musiker. Das Filmorchester Babelsberg hat ja schon eine ziemlich große Crossover-Erfahrung und die machen solche Sachen sehr häufig.
Das war schon zu bemerken: Wie interessiert sie daran sind und wie leicht ihnen so was fällt. Und das gibt einer Band wie uns, die sowas zum ersten Mal macht, in so einer Situation auch eine angenehme Art von Sicherheit: Denen geht es wirklich darum, Musik zu machen und die Berührungsflächen zu vergrößern.
Mieze:
Die haben die Tür sehr weit aufgemacht. Ich meine, wir hatten jeweils zwei Durchläufe. Wir kennen es so aus dem Proberaum: Kommt, wir spielen es noch einmal, und dann haben wir es drin.
Und der Herr Wefelmeyer sagt, wieso sollen wir das jetzt noch mal spielen - das war doch alles bombenmäßig, das saß doch alles. Da sind sie uns sehr entgegengekommen. Gutes Teamwork.
Bob:Letzten Endes hat die ganze Aktion auch uns wieder um eine Erfahrung bereichert. Mit dem Orchester zusammenzuspielen, aber auch uns mit Musikstilen der früheren Zeit auseinanderzusetzen - das waren auf jeden Fall lustige Momente im Proberaum. Das alles rauszuhören, das Feeling zu bestimmen und zu merken, wie perfekt das doch alles gemacht wurde.
Mit „Heroes" hatten wir ja schon unsere Erfahrungen - hier trotzdem noch mal anders, mehr ans Original angelehnt und ein wenig bombastreicher.
Dusk:
Mit Paul Kuhn stand einer der ganz großen deutschen Showstars auf der Bühne - und das auch mit einem Song von Hildegard Knef, der Übermutter Berlins. Setzt man sich da nicht vor Ehrfurcht auf den Hosenboden?
Ingo:
Auf jeden Fall. Paul Kuhn war so cool - der Typ sitzt da an seinem Klavier, kann gar nicht mehr richtig gucken, aber man merkt, das spielt keine Rolle. Der Mann ist mit seinem Klavier verwachsen, und wenn er mit dem Orchester zusammenspielt, dann hat er seine ganz eigene Note; Läufe, die er dann ganz lässig spielt, und Moment des Orchestereinsatzes ist alles wieder auf dem Punkt. Der Typ ist einfach mit allen Wassern gewaschen.
Andi:
Man merkt halt auch die 70 Jahre Bühnenerfahrung. Für mich persönlich ist das auch ein Ideal, wo man mal hinkommen möchte. Wir stehen ja auch schon 10 Jahre auf der Bühne. Aber die Mischung aus Perfektion und absoluter Gelassenheit, die Austrahlung Paul Kuhns - da ist gar nichts nachgespielt, das ist 100% Performance. Das kennt man vielleicht noch aus Amerika von Frank Sinatra, oder von Max Raabe auf eine andere Art und Weise - Leute, die, schon wenn sie auf die Bühne gehen und „Guten Abend!" sagen, eine Performance machen.
Mieze:
Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich Paul Kuhn bisher nicht als meinen musikalischen Volkshelden erlebt habe. Sonst wäre ich wahrscheinlich unsicherer gewesen.
Der Song wurde auch schon von anderen Sängern interpretiert und war hier ja eher Teil des Berlin-Medleys. Von daher ging es auch nicht vordergründig um Hildegard Knef, sondern um Berlin, um die Stadt, um das Ereignis an sich. Ich bin eher froh darüber, dass ich Übermutter und -vater nicht als solche begriffen habe. So konnte ich mir mein letztes bisschen Herz, was nicht raste, noch aufheben und es hat mich nicht durcheinandergebracht.
Dusk:
Der „Sonderzug nach Pankow" taucht schon zu ZIRKUS-Zeiten als Millers „Chattanooga Choo Choo" im Vorprogramm auf. Gibt's da etwa Affinitäten und Entwicklungen hin zu Swing und klassischerer Musik?
Gunnar:
Es war tatsächlich eine Vorgabe und Teil des Medleys, in dem wir ja Gäste waren. Wir hatten da Gestaltungsmöglichkeiten, aber es war nicht unser ausdrücklicher Wunsch. Es fühlte sich wahrscheinlich für alle ganz gut an, dass man das Original kannte und wusste, wo es hingeht, aber es steckt keine Absicht oder Ambition dahinter.
Mieze:
Ich fand den Text immer super, er hat mich immer zum Lachen gebracht, und ich fand es lustig, mich diesem Lied mal zu nähern. Inhaltlich ist es nach wie vor echt ein Brüller, und das in dem geschichtlichen Zusammenhang selbst noch mal nachzuempfinden, finde ich toll. Wann hat man schon mal die Gelegenheit dazu?
Dusk:
Die letzte Frage bezieht sich darauf, ob Ihr aus so viel musikalischem Wildwuchs auch Inspirationen für neue Songs und Projekte mitnehmt?
Gunnar:
Das macht man bestimmt; wobei es bei dieser Sache vor allem darum ging, sehr zielgerichtet und innerhalb der relativ begrenzten Zeitfenster, die wir auch zusammen mit dem Orchester hatten, so gut wie möglich abzuliefern. Dass sozusagen etwas als Inspiration dageblieben ist, stellt man vielleicht später fest.
Ingo:
Die Kombination - Babelsberger Filmorchester, Paul Kuhn und wir - das ist schon eine sehr exaltierte Geschichte und auch Aufgabe gewesen, aus der man Anregungen mitnimmt. Es ist abgefahren, zu sehen und zu hören, was da alles passieren kann. Vielleicht machts ja irgenwann Klick und ich werde die Streicher am Keyboard anmachen oder ein bisschen Horn dazu spielen, und dann hat man eine neue Idee.
Miez:
Die größte Inspiration, die wir daraus mitnehmen können, ist die, dass alles möglich ist. Wir können einfach alles kombinieren. Egal, was wir aus welchen Puzzleteilen machen, das ist MIA.
Dusk:
Ich danke Euch für dieses Interview.
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